Turngesellschaft Erbach 1888 e.V.
Geschichte der Turnerbewegung
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Geschichte der deutschen Turnerbewegung

Friedrich Ludwig Jahn, genannt der Turnvater, gilt als Initiator der Turnbewegung in Deutschland. Im Jahre 1811 richtete er auf der Hasenheide in Berlin den ersten Turnplatz ein. Jetzt wurde im Freien öffentlich mancherlei Leibesübung betrieben. Schon im Sommer 1812 wurden auf dem Turnplatz die Turnübungen erweitert. Die einsetzende Turnbewegung in Deutschland orientierte sich an den aufgeklärten Ideen der damaligen Zeit: Liberalismus und bürgerlicher Nationalismus bestimmten die gesellschaftliche Programmatik der Turnführer. Das Jahn'sche Turnen war von seinen Anfängen politisch motiviert. Ziel war die Belebung des Gemeingeistes und des Bürgersinnes. Er propagierte eine nationale Erziehung, um mündige Staatsbürger heranzubilden. Er forderte den Aufbau eines Volksheeres und die Beseitigung jeglicher Unterdrückung.

Zunächst waren es nur wenige Turner, aber die Zahl wuchs schnell an. Überall im Lande wurden Turnvereine gegründet. Aus dieser Zeit stammen die ältesten Turnvereine der Welt, die Hamburger Turngesellschaft 1816 und der Mainzer Turnverein 1817. Bereits 1818 gab es in Deutschland etwa 150 Turnanstalten, wie die Vereine damals als freie Gemeinschaften hießen.

Als nach den Befreiungskriegen die politische Neuordnung Europas weit hinter den Erwartungen der jungen Patrioten zurückblieb, wurden die Forderungen nach uneingeschränkten Freiheitsrechten am nachdrücklichsten von der akademischen Jugend verfochten. Auf Anregung von Friedrich Ludwig Jahn wurden um das Jahr 1815 Studentenorganisationen unter dem Motto "Ehre, Freiheit, Vaterland" gegründet. Es entwickelten sich daraus die Burschenschaften. Die Verbindungen zwischen Turnern und Burschenschaften waren so eng, daß bald der Name "Burschenturnen" geprägt war. Die älteste Fahne der Turngesellschaft Erbach ist von einer solchen Burschenschaft gestiftet und stammt aus dem Jahre 1848.

Die zunehmende politische Agitation insbesondere auf den Turnplätzen mußte den staatlichen Behörden verdächtig vorkommen. Polizei beschnüffelte und überwachte die Turner. Innerhalb der Turnbewegung wurden vermehrt politische Forderungen erhoben, die Idee der Einheit und Freiheit wurde wachgehalten. Die starke gemeinschaftsorientierte Bindung der Turner galt als Vorbild für eine Überwindung der Kleinstaaterei. So kam es zum Eingreifen der staatlichen Aufsichtsbehörden und mit den ,,Karlsbader Beschlüssen wurden 1820 die Burschenschaften verboten, für die Turnanstalten eine Turnsperre verhängt. Die Turnplätze und Turnanstalten wurden in den meisten deutschen Ländern verboten. Zu den als "Demagogen" Verklagten gehörte auch Friedrich Ludwig Jahn, er wurde verhaftet und auf die Festung Spandau gebracht. Fast sechs Jahre verbrachte Jahn in verschiedenen Kerkern. Im März 1825 wurde er dann freigesprochen, weil das, was ihm mit der Turnerei und der Lehre von Einheit und Freiheit des deutschen Vaterlandes zur Last gelegt wurde, niemals ein Verbrechen sein konnte.

Trotz der polizeistaatlichen Maßnahmen konnten die freiheitlichen Ideen nicht unterdrückt werden. Als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. 1842 die Leibesübungen als einen notwendigen und unentbehrlichen Bestandteil der männlichen Erziehung anerkannte, da wurde bald in allen deutschen Staaten die Turnsperre wieder aufgehoben. Die Turnbewegung erlebte nun in wenigen Jahren einen bedeutenden Aufschwung. Sie wurde zu einer politischen Bewegung, die nach Einheit und Freiheit des Vaterlandes strebte.

Nach dem Ende der Turnsperre vollzog sich in der Sozialstruktur der Turnvereine eine starke Veränderung. War das Jahn'sche Turnen in den ersten Jahren von Schülern und Studenten ausgeübt worden, traten jetzt in die neugegründeten Vereine besonders Handwerker, Handwerksgesellen und Arbeiter ein. Am 19. März 1848 erfolgte an alle deutschen Turngemeinden die Einladung zum Turntag nach Hanau. Auf diesem Ersten Hanauer Turntag kam es dann zur Gründung des ,,Deutschen Turnerbundes". Jedoch die politische Diskussion, ob eine Republik oder eine konstitutionelle Monarchie die richtige Staatsform sei, ließ die erzielte Einigung nur von kurzer Dauer sein. Als ein Antrag auf dem Zweiten Hanauer Turntag für eine demokratische Republik mit knapper Mehrheit abgelehnt wurde, trat die enttäuschte Minderheit aus dem ,,Deutschen Turnerbund" aus und gründete den ,,Demokratischen Turnerbund". An der Revolution 1848/49 beteiligten sich überwiegend Turner aus dem sächsischen und dem südwestdeutschen Raum. Vorstellungen, die Turner als Revolutionsarmee einzusetzen, scheiterten unter anderem an den organisatorischen Voraussetzungen.

Nachdem die Revolution 1848/49 zusammengebrochen war, wurden wieder zahlreiche Turnvereine aufgelöst oder polizeistaatlich überwacht. Zu einer Belebung der Turnbewegung kam es erst wieder ab dem Jahre 1859, als politische Ereignisse eine Welle der nationalen Begeisterung auslösten. 1860 erging ein Aufruf zur Sammlung zu einem allgemeinen deutschen Turn und Jugendfest. Das Turnfest fand am 17. und 18. Juni 1860 in Coburg statt. Über 1000 Turner nahmen an dem Fest teil. Das Coburger Turnfest stellte eine entscheidende Wende in der Turnbewegung dar. Allein zwischen 1860 und 1862 entstanden wieder über 1000 Turnvereine.

1893 kam es zu einer Abspaltung aus der Deutschen Turnerschaft. Der Kaiserkult der Deutschen Turnerschaft, die Forderung nach Wehrerziehung und die Unterstützung der Bismarckschen Innenpolitik gegen die Sozialdemokratie veranlaßte viele Arbeiter, aus der Deutschen Turnerschaft auszutreten. Sie gründeten den Arbeiterturnerbund. Die damaligen Behörden sahen in dem Arbeiterturnerbund jedoch eine politische Gefahr, die helfen sollte, das bestehende Gesellschaftssystem zu beseitigen. Ein wahres Kesseltreiben gegen die Arbeiterturnvereine begann. Es mußten Erlaubnisse zur Erteilung von Unterricht in Vereinen beantragt werden. Personen wiederum, die Unterricht erteilen wollten, mußten zuvor eine Erlaubnis von der Unterrichtsbehörde erwerben. Diese prüften die Sittlichkeit und Lauterkeit der Gesinnung in religiöser und politischer Hinsicht.

Die Auseinandersetzungen zwischen der Deutschen Turnerschaft und dem Arbeiterturnerbund gingen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges weiter. Sie wurden während des Krieges eingedenk der nationalen Not eingestellt. Sie brachen nach der Novemberrevolution 1918 erneut auf und bestimmten das sportliche Leben während der Weimarer Republik. Die politischen Veränderungen im Jahre 1933 brachten die gewaltsame Auflösung der Arbeiterturn- und Sportbewegungen. Die kritischen Stimmen des Arbeiterturnerbundes wurden durch das Dritte Reich zum Schweigen verurteilt. Die Deutsche Turnerschaft war nach ihrer Auflösung 1936 als Fachamt in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibeserziehung eingegliedert worden.

Der Zweite Weltkrieg endete mit dem militärischen und politischen Zusammenbruch Deutschlands. Zu den verheißungsvollen Zeichen eines Neubeginns nach Jahren der Not gehörte die Gründung des Deutschen Sportbundes im Dezember 1950. Ihm gehören alle Turn- und Sportverbände der Bundesrepublik Deutschland an. Damit war auch im Lager der Turner nach vielen Jahren erbittertster Auseinandersetzungen Einheit und Friede eingekehrt. Der Deutsche-Turner-Bund erlebte wiederum einen großartigen Aufschwung. In den Turnvereinen wird heute eine vielseitige Palette des Leistungs-, Breiten- und Freizeitsports für Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer und Senioren angeboten. So wurde die alte Forderung ,,Sport für alle" endlich verwirklicht.